Santiago CalatravaZeichnung Gebäude reflektierend
Santiago Calatrava zählt zu den weltweit bekanntesten und zugleich umstrittensten Architekten und ist international berühmt für seine Brückenkonstruktionen und kunstvollen Gebäude. Als einer der wenigen zeitgenössischen Meister, der sowohl über eine Qualifikation als auch über eine Expertise im Bauingenieurwesen verfügt, bricht er konsequent mit den starren Formen traditioneller Bauwerke und drückt seine Ideen durch dynamische, skulpturale Formen aus, die sofort erkennbar sind.
Calatrava beherrscht das Zusammenspiel von Struktur und architektonischer Ästhetik meisterhaft. Er ist überzeugt, dass Schönheit durch Maschinenbau zum Ausdruck gebracht werden kann und dass die Formen von Bäumen, Vögeln und Insekten in der Natur nicht nur optisch elegant, sondern auch erstaunlich effizient in ihrer Struktur sind. Daher schöpft er seine Inspiration stets aus der Natur. Sein angeborenes künstlerisches Talent und sein überaus fantasievolles Designverständnis rufen immer wieder Bewunderung hervor; innerhalb der Branche wird er oft mit Zaha Hadid verglichen. Für ihn ist Architektur ein lebendiges Wesen: Fließende Kurven und Formen, die zugleich frei und logisch wirken, verleihen jedem Gebäude durch seine unverwechselbare Formensprache und Inspiration eine lebendige Ausstrahlung.
Designsprachege
Calatravas Werk ist umfangreich und vielfältig, lässt sich aber beinahe auf einige wenige charakteristische Elemente reduzieren, deren Ursprünge in wenigen frühen Projekten liegen. Die in dieser prägenden Phase entstandenen Ideen und formalen Grundlagen haben alles Folgende nachhaltig beeinflusst.
01 Gefalteter Raum, kinetischer Körper
Calatrava, der in den traditionellen Bereichen Kultur, Kunst und Architektur ausgebildet wurde, begann seine Karriere mit der disziplinierten Denkweise eines Ingenieurs. Der Wandel kam, als er sich seinem Doktorarbeitsthema – „faltbare Raumstrukturen“ – widmete, einem Forschungsgebiet, das den Weg für sein weiteres Berufsleben prägen sollte.
02 Standardisierung und Morphing
Calatrava betrachtet die Struktur selbst als ausdrucksstarke Ebene der Architektur. Bauteile verjüngen sich dort, wo die Kräfte gering sind, verbreitern sich in der Feldmitte und verengen sich an den Enden; Kreuzungspunkte sind sorgfältig geknickt oder knotenförmig gestaltet, um den Lastfluss zu erfassen. Elemente werden je nach Kraftverlauf oder Funktion verändert – Druck- und Zugzonen werden aus unterschiedlichen Materialien ausgeführt. Neigte oder zickzackförmige Säulen tauchen immer wieder auf und vermitteln Stärke und Dynamik.
03 Räumliche Struktur
In der zwischen 1983 und 1988 entworfenen Aula der Wohlen High School überspannen fünf vorgefertigte, dreigelenkige Bögen einen 16 × 28 m großen Raum. Kiefernholzlatten tragen sowohl die Dachkonstruktion als auch die seitliche Stabilität der Bögen. Die Bögen ruhen auf geneigten Stahlstützen mit variablem Querschnitt, deren Winkel der Druckachse folgt. Die Gelenklager an den Bögen sind mit höchster Präzision ausgeführt (Anmerkung: Es handelt sich hierbei um funktionale Gelenke, im Gegensatz zu den dekorativen „Gelenken“, die später an anderer Stelle verwendet wurden). Weit auseinanderliegende Kiefernholzlatten lassen Tageslicht durch, sodass selbst die unteren Bereiche unterhalb der Bögen luftig und offen wirken.
04 Baumförmige Säulen
In der Allen Lambert Galleria am BCE Place in Toronto greift das Dach das bogenförmige „Federbinder“-System des Wohlen-Gebäudes auf und erzeugt so ein geschwungenes, wellenförmiges Dach. Zwei Reihen hoch aufragender Baumsäulen tragen die Dachkonstruktion und verwandeln die lange Galerie in einen architektonischen „Baumboulevard“.
05 Brücken
Die Bach-de-Roda-Brücke zeichnet sich durch einen 46 Meter hohen, vertikalen Hauptbogen aus, dessen seitliche Stabilität durch einen zweiten, geneigten Hilfsbogen gewährleistet wird. Dieser geneigte Bogen trägt auch die Lasten des Fußgängerwegs und der Platztreppe; seine elegante Kurve führt direkt auf die Treppe zu, die zum Platz hinaufführt. Der Fußgängerweg schwingt sich nach außen und ist durch schlanke Stahlstangen mit dem Hilfsbogen verbunden. Mit dieser Brücke begründete Calatrava eine Formensprache, die Architektur, Ingenieurskunst und skulpturale Schönheit zu einer unverwechselbaren Handschrift vereint.
Projektprofil
Milwaukee Kunstmuseum
Während die meisten Bauingenieure geschlossene, stabile Formen anstreben, um die Sicherheit zu gewährleisten, beschwört Calatrava Natur, Fleisch, Knochen und Bewegung herauf – wie ein Tänzer, der die Schwerkraft herausfordert und ein fließendes, lebendiges und sich ständig wandelndes Gleichgewicht einfängt. Seine kühnen Innovationen hinterlassen einen unauslöschlichen Eindruck, eine unverwechselbare künstlerische Handschrift, die ihresgleichen sucht.